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Das Kompetenznetzwerk im Gas- und Wasserfach

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Kaskadenwirkungen verstehen: Aktuelle Einschätzungen und Hinweise für Wasserversorger

Referenteninterview mit Herbert Saurugg, Internationaler Blackout- und Krisenvorsorgeexperte bei der Gesellschaft für Krisenvorsorge

Datum der Veröffentlichung: 31.03.2026

 

Kaskadenwirkungen sind die unterschätzte Gefahr moderner Krisen. Warum, das erklärt Krisenexperte Herbert Saurugg im Interview und zeigt, welche Risiken Europa aktuell bedrohen und wo Wasserversorger Handlungsbedarf haben. Mehr dazu am 19. Mai 2026 bei unserer Online‑Veranstaltung “Risiko- und Krisenmanagement in der Wasserversorgung”, wo Herr Saurugg zum Thema “Kaskadenwirkungen verstehen: Die unterschätzte Gefahr vernetzter Krisen” spricht.

DVGW Kongress:

Bei unserer Veranstaltung sprechen Sie über die Gefahr von „Kaskadenwirkungen“ in Krisen. Warum werden diese in der Risikoanalyse häufig unterschätzt?

Herbert Saurugg:

Das liegt daran, dass wir bisher mit unserem einfachen linearen Denken recht gut zurechtgekommen sind und viele Risikoanalysen auch mit dieser Denkweise durchgeführt wurden. Dabei entstehen die bekannten Risikomatrizen. Diese sind für klassische Risiken durchaus nützlich, jedoch steigt mit der Vernetzung (Digitalisierung) die Komplexität und wechselseitige Abhängigkeit vieler Systeme. Damit entstehen auch immer mehr systemische Risiken. Diese sind mit solchen Methoden und Denkweisen nicht mehr beherrschbar.

Wir müssen uns daher intensiver mit den Nebenwirkungen der steigenden Komplexität sowie den Zusammenhängen und Wechselwirkungen zwischen unterschiedlichen Systemen beschäftigen, um mögliche Kaskadenwirkungen frühzeitig zu erkennen und Gegenmaßnahmen treffen zu können. 
Ich fürchte, dass uns der aktuelle Nahostkrieg zeitnah dazu zwingen wird, da bereits jetzt noch nicht absehbare, schwere Kaskadeneffekte in vielen Lieferketten losgetreten wurden, die uns in den nächsten Wochen und Monaten wohl noch sehr intensiv beschäftigen werden. 

DVGW Kongress:

Welche Krisenszenarien halten Sie aktuell in Europa für am wahrscheinlichsten, und was macht sie heute wahrscheinlicher als noch vor einigen Jahren?

Herbert Saurugg:

Momentan ist es schwer zu sagen, wo man eigentlich anfangen soll. Das höchste und weitest verbreitete Risiko geht wohl von Cyber-Angriffen aus. Bei mangelnder Risikominimierung können sie so gut wie alle treffen, da sie nicht nur zielgerichtet erfolgen, sondern bestehende Schwachstellen ausnutzen.

Wie ich bereits angedeutet habe, befürchte ich, dass wir in den nächsten Wochen und Monaten mit erheblichen globalen Lieferkettenverwerfungen konfrontiert werden. Aktuell ist vor allem Asien stark vom Nahostkrieg betroffen. Wir werden daher indirekt und zeitnah durch unsere sehr hohe Abhängigkeit von Lieferketten aus Asien mit kaskadierenden Problemen und Ausfällen konfrontiert werden.

In Deutschland sind wir in diesem Winter gerade noch und mit viel Wetterglück an einer schweren Gaskrise vorbeigeschrammt. Derzeit weiß jedoch niemand, wie wir den nächsten Winter überstehen sollen und was das kosten wird. Zumindest bleibt uns etwas Zeit, um uns darauf vorzubereiten.

Und dann ist da noch das latente Blackout- und Stromausfallrisiko: Die kommenden Wochen im Frühling, speziell an Sonn- und Feiertagen, werden äußerst spannend, weil wir viel zu viel PV-Strom haben werden und das System das beherrschen können muss. Letztes Jahr gab es aus diesem grund zwei Blackouts in Europa. Einmal auf der Iberischen Halbinsel und einmal in Nordmazedonien.

Grund genug also, sich intensiv mit dem Thema Krisenvorsorge zu beschäftigen – sofern das nicht bereits passiert ist. Denn in irgendeiner Form wird es uns immer erwischen und ein Krisenmanagement erforderlich machen.
 

DVGW Kongress:

Wie gut sind Wasserversorger Ihrer Einschätzung nach auf komplexe, vernetzte Krisen vorbereitet? Wo sehen Sie die größten Lücken?

Herbert Saurugg:

Es hängt davon ab, wie groß der Wasserversorger ist, welche Assets er im Einsatz hat und wie gut er sich bisher mit dem Thema Krisenvorsorge beschäftigt hat. Daher reicht die Bandbreite, wie fast immer, von „kaum” bis „recht gut”. Letztendlich hängt es immer noch vom jeweiligen Szenario ab. Denn irgendwo gibt es immer Grenzen.

Der erste wichtige Aspekt ist, ob die Steuerungstechnik über das Internet erreichbar ist. Dabei sollten auch temporäre Wartungszugänge, eventuell von externen Dienstleistern, berücksichtigt werden. Dies ist eine ernsthafte Bedrohung, bei der entsprechende Absicherungsmaßnahmen und eine laufende Anpassung erforderlich sind. Es sollten auch entsprechende Prozesse und Vorbereitungen getroffen werden, um rasch auf mögliche Zwischenfälle reagieren zu können.

Ein weiteres großes Risiko sind zunehmende Extremwetterereignisse wie Starkregen oder Überschwemmungen, von denen auch die Wasserversorgungsinfrastruktur massiv betroffen sein kann. Natürlich wirken sich auch Dürren auf die Wasserversorgung aus, aber das passiert nicht von jetzt auf gleich.

Ein großes Problem ist außerdem die sehr hohe Strom- und Pumpenabhängigkeit in vielen deutschen Regionen. Das könnte beim Thema Stromausfall und noch schlimmer bei einem überregionalen Strom-, Infrastruktur- und Versorgungsausfall („Blackout”) sehr kritisch werden. Denn wenn die Wasserver- und Abwasserentsorgung nicht mehr funktionieren, wird es gesellschaftlich sehr rasch kritisch. Daher ist das ein wirklich elementares Risiko, auf das sich alle Wasserversorger vorbereiten sollten. Dabei geht es nicht darum, die Wasserversorgung bis zum letzten Anschluss aufrechterhalten zu können, sondern sicherzustellen, dass es durch den Stromausfall zu keinen sekundären Infrastrukturschäden durch Lufteinschlüsse oder Leitungsbrüche durch Unterdruck kommt und möglichst viele Menschen weiterversorgt werden können.
 

DVGW Kongress:

Wenn Sie drei zentrale Maßnahmen nennen müssten, die Wasserversorger jetzt umsetzen sollten, um Ihre Resilienz gegen vernetzte Krisen zu stärken – welche wären das?

Herbert Saurugg:

Es ist wichtig, sich wirklich mit dem Thema Blackout-Vorsorge zu beschäftigen und die infrastrukturelle Robustheit sowie die Notversorgungsfähigkeit zu erhöhen.

Das Thema „Aging Infrastructures”, also alternde Infrastrukturen, und deren rechtzeitiger Ersatz gewinnen auch immer mehr an Bedeutung. Auch hier kann durch eine richtige Planung viel zum Aufbau von Robustheit beigetragen werden.

Der dritte Punkt ist die Antizipation, also die Vorwegnahme möglicher Zukunftsentwicklungen wie die Zunahme von Extremwetterereignissen oder alles, was sich auf eine sichere Wasserversorgung auswirken könnte, sowie die rechtzeitige Anpassung an Veränderungen.
 

DVGW Kongress:

Herzlichen Dank, Herr Saurugg, für Ihre klaren Einschätzungen und wertvollen Impulse.

Sie möchten mehr zu "Risiko- und Krisenmanagement in der Wasserversorgung" erfahren? Dann empfehlen wir Ihnen unsere Veranstaltung am 19. Mai 2026, online.
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