Der DVGW fördert das Gas- und Wasserfach in allen technisch-wissenschaftlichen Belangen. In seiner Arbeit konzentriert sich der Verein insbesondere auf die Themen Sicherheit, Hygiene, Umwelt- und Verbraucherschutz. Mit der Entwicklung seiner technischen Regeln ermöglicht der DVGW die technische Selbstverwaltung der Gas- und Wasserwirtschaft in Deutschland. Hierdurch gewährleistet er eine sichere Gas- und Wasserversorgung nach international höchsten Standards. Der im Jahr 1859 gegründete Verein hat rund 14.000 Mitglieder. Hierbei agiert der DVGW wirtschaftlich unabhängig und politisch neutral
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Beim DVGW Kongress 2026 kommt die Wasserbranche in Bonn zusammen. Mit dabei ist Dipl.-Ing. Volker Meyer, Hauptgeschäftsführer der figawa. Im Vorfeld seines Vortrags haben wir mit ihm über die Neuregelungen für Werkstoffe im Kontakt mit Trinkwasser gesprochen, über den europäischen Harmonisierungsprozess, den damit verbundenen Aufwand und die Frage, welchen Nutzen die neuen Anforderungen aus Sicht der Industrie bringen.
Datum der Veröffentlichung: 12. Mai 2026
DVGW Kongress:
Herr Meyer, ab Ende 2026 sollen Anforderungen an Materialien und Werkstoffe im Kontakt mit Trinkwasser in der EU vereinheitlicht werden. Was ändert sich damit konkret?
Volker Meyer:
Mit der europäischen Harmonisierung wird erstmals ein einheitlicher regulatorischer Rahmen für Materialien und Werkstoffe geschaffen, die mit Trinkwasser in Kontakt kommen. Grundlage hierfür ist die novellierte EU-Trinkwasserrichtlinie. Ziel ist es, europaweit ein vergleichbares Hygieneniveau sicherzustellen und gleichzeitig den freien Warenverkehr im Binnenmarkt zu stärken.
Konkret bedeutet dies, dass nationale Anforderungen schrittweise durch ein europäisches System ersetzt, beziehungsweise ergänzt werden. Künftig gelten europaweit harmonisierte Anforderungen an die hygienische Eignung von metallischen Werkstoffen, organischen Materialien, zementgebundenen Werkstoffen sowie Schmierstoffen und anderen Produkten im Kontakt mit Trinkwasser.
Für Hersteller bringt dies einerseits mehr Rechtssicherheit und perspektivisch die Möglichkeit, Produkte mit einer einzigen europäischen Bewertung in mehreren Mitgliedstaaten zu vertreiben. Andererseits entsteht zunächst ein erheblicher Umstellungsaufwand, weil bestehende nationale Zulassungen, Prüfverfahren und Dokumentationen angepasst werden müssen.
Die Industrie unterstützt grundsätzlich das Ziel einer Harmonisierung. Entscheidend wird jedoch sein, dass das neue System praxisnah, technisch umsetzbar und wirtschaftlich tragfähig ausgestaltet wird.
DVGW Kongress:
Deutschland verfügt mit den Bewertungsgrundlagen des Umweltbundesamtes über ein etabliertes, hohes Schutzniveau. Wo sehen Sie beim Übergang zum europäischen System die größten praktischen Herausforderungen?
Volker Meyer:
Deutschland verfügt mit den Bewertungsgrundlagen des Umweltbundesamtes seit vielen Jahren über ein etabliertes und international anerkanntes System zur hygienischen Bewertung von Materialien im Kontakt mit Trinkwasser. Dieses hohe Schutzniveau darf durch die europäische Harmonisierung keinesfalls abgesenkt werden.
Die größten Herausforderungen liegen aus Sicht der Industrie vor allem im Übergang zwischen den bisherigen nationalen Regelungen und den neuen europäischen Anforderungen. Viele Unternehmen müssen ihre Produkte, Rezepturen, Prüfberichte und Zertifizierungen neu bewerten lassen. Dabei entstehen erhebliche Kosten sowie ein hoher organisatorischer Aufwand.
Hinzu kommt die Frage der Übergangsfristen und der Verfügbarkeit von Prüfkapazitäten. Wenn viele Produkte gleichzeitig neu geprüft werden müssen, drohen Engpässe bei Laboren, Zertifizierungsstellen und Benannten Stellen. Gerade mittelständische Unternehmen benötigen ausreichend Zeit und Planungssicherheit.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die praktische Auslegung der neuen Anforderungen. Die europäischen Regelungen müssen klar, nachvollziehbar und konsistent angewendet werden, damit unterschiedliche Interpretationen in den Mitgliedstaaten vermieden werden. Nur so kann das Ziel eines echten Binnenmarktes erreicht werden.
DVGW Kongress:
Können Sie uns die EU Positiv-Liste genauer erläutern und welche Anforderungen mit ihr einhergehen?
Volker Meyer:
Die EU-Positivliste ist ein zentrales Element der neuen europäischen Regelungen. Sie enthält Stoffe, Zusammensetzungen und Ausgangsmaterialien, die für die Herstellung von Produkten im Kontakt mit Trinkwasser verwendet werden dürfen.
Das Prinzip dahinter ist klar: Nur Stoffe, deren gesundheitliche Unbedenklichkeit nachgewiesen wurde, dürfen künftig eingesetzt werden. Für Hersteller bedeutet dies, dass sie die verwendeten Rohstoffe und Rezepturen transparent dokumentieren und nachweisen müssen, dass ausschließlich gelistete Stoffe verwendet werden.
Mit der Aufnahme in die Positivliste gehen umfangreiche Anforderungen einher. Dazu zählen unter anderem toxikologische Bewertungen, Migrationsprüfungen sowie Anforderungen an Reinheit und Zusammensetzung der Materialien. Darüber hinaus müssen Hersteller sicherstellen, dass Produktionsprozesse und Qualitätsmanagementsysteme den regulatorischen Vorgaben entsprechen.
In der Praxis wird entscheidend sein, dass die Pflege und Fortschreibung der Positivlisten effizient erfolgt. Innovationen dürfen nicht unnötig ausgebremst werden. Neue Werkstoffe oder Additive müssen innerhalb angemessener Zeiträume bewertet werden können, damit Unternehmen weiterhin innovative und nachhaltige Lösungen entwickeln können.
DVGW Kongress:
Der DVGW und die figawa Service GmbH haben ihre bewährte Zusammenarbeit zur Qualitätssicherung in der Wasserversorgung erneuert mit der Unterzeichnung des Letter of Intent (LoI). Was sind die Ziele des Letters of Intent und was wünschen Sie sich persönlich von der Partnerschaft?
Volker Meyer:
Die erneuerte Zusammenarbeit zwischen dem DVGW und der figawa Service GmbH verfolgt das Ziel, die Qualitätssicherung in der Wasserversorgung auch unter den neuen europäischen Rahmenbedingungen weiterzuentwickeln und praxisgerecht zu gestalten.
Der Letter of Intent steht für das gemeinsame Verständnis, dass Industrie, Regelsetzer, Prüforganisationen und Wasserversorger die anstehenden Veränderungen nur gemeinsam erfolgreich umsetzen können. Im Mittelpunkt stehen dabei insbesondere die Harmonisierung von Prüf- und Zertifizierungsprozessen, der fachliche Austausch sowie die Unterstützung der Unternehmen bei der Umsetzung der neuen europäischen Anforderungen.
Darüber hinaus geht es darum, bewährte deutsche Qualitätsstandards und technische Expertise aktiv in die europäische Diskussion einzubringen. Deutschland verfügt über jahrzehntelange Erfahrung im Bereich der Trinkwasserhygiene und Qualitätssicherung. Dieses Know-how sollte auch künftig eine wichtige Rolle spielen.
Persönlich wünsche ich mir von der Partnerschaft vor allem einen offenen und lösungsorientierten Dialog zwischen allen Beteiligten. Die Herausforderungen sind komplex und betreffen die gesamte Wertschöpfungskette. Umso wichtiger ist es, gemeinsam praktikable Lösungen zu entwickeln, die sowohl den Gesundheitsschutz als auch Innovation und Wettbewerbsfähigkeit stärken.
DVGW Kongress:
Welche Antworten oder Lösungsansätze erhoffen Sie sich vom DVGW Kongress 2026, die Unternehmen und Wasserversorger bei der Umsetzung der neuen europäischen Anforderungen weiterbringen?
Volker Meyer:
Der DVGW Kongress 2026 wird aus meiner Sicht eine wichtige Plattform sein, um offene Fragen zur praktischen Umsetzung der europäischen Anforderungen zu diskutieren und gemeinsam Lösungsansätze zu entwickeln.
Die Unternehmen und Wasserversorger benötigen vor allem Klarheit und Orientierung. Dazu gehören konkrete Informationen zu Übergangsregelungen, Zertifizierungsverfahren, Prüfanforderungen und Verantwortlichkeiten innerhalb der Lieferkette. Ebenso wichtig sind praxisnahe Beispiele und Erfahrungsberichte aus laufenden Umsetzungsprojekten.
Ich erhoffe mir darüber hinaus einen intensiven Austausch zwischen Regulierung, Wissenschaft, Prüforganisationen, Industrie und Wasserversorgung. Gerade in einer Phase des Systemwechsels ist es entscheidend, frühzeitig Probleme zu identifizieren und gemeinsam pragmatische Lösungen zu entwickeln.
Ein weiteres wichtiges Thema wird die Sicherstellung ausreichender Prüf- und Zertifizierungskapazitäten sein. Unternehmen brauchen verlässliche Prozesse und realistische Zeitpläne, um die neuen Anforderungen effizient umsetzen zu können.
Insgesamt sollte der Kongress dazu beitragen, Vertrauen in das neue europäische System zu schaffen und gleichzeitig deutlich machen, dass hohe Hygienestandards, technische Innovation und wirtschaftliche Machbarkeit miteinander vereinbar sein müssen.
Herzlichen Dank für das aufschlussreiche Interview, Herr Meyer! Umso mehr freuen wir uns auf den weiteren Austausch in Bonn und auf Ihre Impulse beim DVGW Kongress 2026.